Der Märchenkönig
Der Mythos des Märchenkönigs bildete sich schon zu Lebzeiten Ludwigs II. „Ein ewig Rätsel will ich bleiben, mir und anderen“, hatte er einst seiner Erzieherin geschrieben, und dieses Rätselhafte fasziniert die Menschen noch heute.
Als erster Sohn des späteren Maximilian II., König von Bayern, kam Ludwig 1845 in Schloss Nymphenburg bei München zur Welt. Von Kindheit an waren eine starke Fantasie, der Hang zur Vereinzelung und das ausgeprägte Hoheitsgefühl bei ihm bezeugt. 1864 bestieg er als Ludwig II. mit nur 18 Jahren, ohne Lebens- und Politikerfahrung, den Bayerischen Thron. Im selben Jahr rief er Richard Wagner, dessen Musikdramen ihn schon als Kronprinzen begeisterten, zu sich und rettete diesen damit aus größter Not. Wagner allerdings musste München schon Ende 1865 verlassen, da er sich in Regierungsgeschäfte einmischte. Am kostspieligen Dienst für das Genie Wagners hielt Ludwig allerdings fest. In den folgenden Jahren wurde München durch zahlreiche Uraufführungen von Wagners Werken zur Musikhauptstadt Europas.
1866 erlitt Ludwig die größte Niederlage seines Lebens, als das expandierende Preußen im „Deutschen Krieg“ Österreich und Bayern besiegte. Bayern war nun außenpolitisch von Preußen abhängig und sein König nur noch ein „Vasall“ seines preußischen Onkels. Ludwig II. war durchdrungen von der Idee eines heiligen Königtums von Gottes Gnaden. In der Realität war er ein konstitutioneller Monarch, ein Staatsoberhaupt mit Rechten und Pflichten und geringen Spielräumen. Er errichtete sich daher eine Gegenwelt, in der er sich – fern von der Gegenwart – als wahrer König empfinden konnte. Seit etwa 1875 lebte er nachts und schlief am Tage. Bereits 1868 entstanden Idealentwürfe für eine „Neue Burg Hohenschwangau“, für einen „Byzantinischen Palast“ und für eine Kopie von Versailles. Von Anfang an war die Gegenwelt epochenübergreifend. Die „Neue Burg“ (nachmals Neuschwanstein) versetzte in das christliche Königtum des Mittelalters, das neue Versailles, ab 1878 auf Herrenchiemsee errichtet, vergegenwärtigte den barocken Absolutismus der bourbonischen Könige Frankreichs. Linderhof im Graswangtal wurde ab 1870 zu einem Sammelplatz für Illusionen verschiedenster Herkunft, unterstützt von modernster Technik, die auch in den fantastischen Kutschen und Schlitten Verwendung fand, in denen sich der König nachts, gelegentlich im historischen Kostüm, fortbewegte.
Die „ideal-monarchisch-poetische Einsamkeit“ war auf Dauer mit den Pflichten eines Staatsoberhauptes nicht zu vereinbaren. Ebenso wenig waren die immer neuen Kulissen mit den privaten Mitteln eines Königs zu finanzieren. Ludwig scheiterte an dem Wunsch, Illusion und Traumsphäre in der Wirklichkeit zu verankern. Ab 1885 drohten ausländische Banken mit Pfändung. Die Verweigerung einer rationalen Reaktion darauf war 1886 der Auslöser für die Unmündigkeitserklärung und Absetzung des Königs durch die Regierung. Doch trotz aller Bemühungen – das Rätsel um des Königs Tod wird wohl nie gelöst werden. In einer Nacht-und-Nebel-Aktion hatte man den Kriegsverächter und Kunstförderer entmündigt und nach Schloss Berg gebracht. Von einem Spaziergang am Starnberger See, den er gemeinsam mit seinem Psychiater unternahm, kehrten beide nicht mehr lebendig zurück. Was bleibt, ist der Mythos einer schillernden Persönlichkeit und der Kult um den „Kini“, wie die Bayern ihren Märchenkönig liebevoll nennen.



